Ich unterrichte jetzt seit über zwanzig Jahren. Und wenn ich ganz ehrlich bin, würde ich meinem jüngeren Ich am liebsten ab und zu auf die Schulter tippen und sagen: „Lass das. Mach's anders.“ Nicht, weil ich damals ein schlechter Lehrer gewesen wäre. Sondern weil ich so unglaublich vieles kompliziert angegangen bin, was eigentlich ganz einfach gewesen wäre.
Also gleich vorweg: kein erhobener Zeigefinger hier. Die meisten dieser Sachen sind mir selbst passiert, manche sogar mehrfach. Ich schreibe das nicht von oben herab, sondern als jemand, der die Umwege alle selbst gegangen ist. Vielleicht erkennst du dich in der einen oder anderen Situation wieder. Und vielleicht sparst du dir dadurch etwas von dem Weg, den ich damals mühsam gegangen bin.
Einfach statt kompliziert
Mein allererster Denkfehler war, dass ich zeigen wollte, was ich alles weiß. Für eine simple Einführungsstunde bereitete ich eine richtige Materialschlacht vor, mit gefühlt zwanzig Folien und lauter Sonderfällen, die in dem Moment kein Mensch gebraucht hat. Das Ergebnis? Nach zehn Minuten waren die Augen der Schülerinnen und Schüler glasig. Ich erklärte so gründlich, bis vom eigentlichen Punkt gar nichts mehr übrig war. Sie sind mit weniger rausgegangen, als wenn ich zwei Sätze gesagt hätte.
Ich glaub, das passiert am Anfang fast allen, und es hat wenig mit Fachwissen zu tun. Es ist Unsicherheit. Man will beweisen, dass man den Stoff im Griff hat, und packt deshalb alles auf einmal aus. Heute weiß ich: Die beste Stunde ist oft die, in der du achtzig Prozent deines Wissens ganz bewusst in der Tasche lässt. Nicht alles, was du weißt, muss auch sofort raus. Wirklich nicht. Der Rest kommt später von selbst, wenn die Fragen kommen. Weniger ist hier meist mehr!
Praxis gewinnt
Theorie im luftleeren Raum stirbt schnell. Das merkst du an der Stimmung im Raum, die kippt förmlich, sobald es zu abstrakt wird und niemand mehr weiß, wofür das Ganze eigentlich gut sein soll. Praxisbeispiele sind hier enorm wichtig, wie ich finde.
Ich erinnere mich an einen Schüler, der mir die Sache beim besten Willen nicht erklären konnte. Bei einem reinen Wissenstest wäre er gnadenlos durchgefallen. Aber als er es dann selbst in die Hand nehmen und ausprobieren durfte und es nach dem dritten Anlauf tatsächlich hingehauen hat, ist ihm das Ganze in Sekunden aufgegangen. Es war ein kleiner Fehler in einer Elektronikschaltung. Man hat es ihm im Gesicht angesehen, dieses „Ah, deswegen!“. Zwei Wochen später konnte er es plötzlich ganz sicher umsetzen, ganz ohne, dass ich noch mal nachhaken musste.
Verstehen passiert oft in der praktischen Anwendung, nicht im Kopf. Und du darfst die Reihenfolge ruhig umdrehen: erst machen lassen, dann benennen, was da grad passiert ist. Lass sie machen. Auch wenn's dauert und chaotischer ist als der saubere Frontalvortrag.
Lernen mit Bildern
Eine schnelle Skizze an der Tafel schlägt drei Absätze Erklärung. Fast immer.
Und nein, du musst überhaupt nicht zeichnen können. Ich bin manchmal ehrlich furchtbar darin, meine Strichmännchen schauen aus, als hätten sie einen wirklich schlechten Tag. Egal. Ein schiefes Bild bleibt trotzdem hängen, ein grammatikalisch perfekter Satz verpufft. Kritzel, mal auf, verbind die Sachen mit Pfeilen. Das Auge merkt sich Zusammenhänge, die der Text nicht rüberbringt. Und das Schöne: So ein Tafelbild überlebt die Stunde. Die Erklärung ist nach zehn Minuten weg, aber das Bild haben viele noch im Kopf, wenn sie am Abend die Hausübung machen. Manche zeichnen es sogar ab und in dem Moment, wo sie es selber nachzeichnen, verstehen sie es oft erst richtig.
Kleine Schritte, großer Erfolg
Am Anfang hatte ich ständig diesen Druck im Nacken, „durchzukommen“. Der Lehrplan ist lang, die Zeit ist knapp, und irgendwann ist Schularbeit. Also kippte ich den ganzen Berg auf einmal aus. Riesenfehler. Ein einziger kleiner Erfolg macht Appetit auf den nächsten. Wenn jemand einen Zwischenschritt schafft und merkt „hey, das kann ich ja“, dann geht eine Tür auf. Danach folgt der Rest fast von allein, weil das Selbstvertrauen mitläuft.
Also lieber ein großes Thema in fünf verdauliche Häppchen zerlegen, als es in einem einzigen Aufwasch durchzudrücken. Auch wenn du am Anfang scheinbar Zeit verlierst, holst sie hinten locker wieder rein, weil du nicht dauernd Löcher stopfen musst. Wer die Grundlage nicht hat, den ziehst du wochenlang mit.
Selber tun lassen
Ich komme aus einer Ecke, in der wir viel selber bauen, ausprobieren und Dinge in die Hand nehmen. Und da lernte ich früh: Über etwas zu reden ist etwas völlig anderes, als es jemanden selbst tun zu lassen. Der Moment, in dem etwas zum ersten Mal gelingt, weil sie es selber gemacht haben - das Experiment, das endlich funktioniert, der Satz, der plötzlich sitzt, das Stück, das durchläuft, der macht mehr als jede noch so schöne Erklärung. Da ist ein Leuchten im Raum, das von innen kommt. Lass sie es selbst probieren. Lass sie den Fehler suchen, wenn etwas nicht aufgeht. Grade auch in den technischen Bereichen.
Genau in diesem Moment, wo etwas nicht funktioniert und Schülerinnen und Schüler herumprobieren müssen, lernen sie am meisten. In Wahrheit ist das das Wertvollste, was in der Stunde passiert. Halt in solchen Momenten die Hände in den Taschen und einfach ruhig sein, so schwer das fällt.
Fragen statt Vorträge
Diese Erkenntnis hat bei mir am längsten gedauert, bis ich es wirklich begriffen hatte.
Einmal redete ich eine ganze Stunde durch. Und zwar richtig schön, wie ich fand: gut aufgebaut, mit rotem Faden. Ich war sehr zufrieden mit mir, als ich den Raum verließ. Beim Rausgehen stellte ich dann zwei Schülern eine simple Rückfrage und merkte, dass sie sich an fast nichts erinnern konnten. Ich hatte geredet, sie hatten dagesessen. Und das ist eben nicht dasselbe wie lernen.
Eine gute Frage bringt fast immer mehr als eine gute Erklärung, weil sie das Denken auf die andere Seite verlagert. Bei der Erklärung denkst du. Bei der Frage denken sie.
Und ja, die Stille nach so einer Frage ist unangenehm, man will sie sofort mit der eigenen Antwort füllen. Halt sie trotzdem aus. Zähl innerlich bis fünf. Diese Sekunden fühlen sich wie eine Ewigkeit an, aber genau da fängt es in den Köpfen an zu arbeiten.
Mut zum Fehler
Am Anfang hatte ich echte Angst davor, vor der Klasse etwas nicht zu wissen. Also versteckte ich mich hinter Sicherheit und zeigte nur das, was garantiert klappt, vorher zu Hause dreimal getestet. Bis mir bei einer Vorführung mal alles um die Ohren geflogen ist. Nichts hat funktioniert. Ich dachte in dem Moment, das war's jetzt. Und stattdessen wurde daraus die beste Viertelstunde der ganzen Woche: Wir suchten gemeinsam den Fehler, ich dachte laut mit, sagte „keine Ahnung, schauen wir mal“ und am Ende fanden meine Schülerinnen und Schüler die Lösung, nicht ich.
Wenn du zeigst, dass du auch nicht alles weißt und dass Suchen und Irren völlig normal sind, machst du zwei Dinge gleichzeitig. Du wirst menschlich und nahbar. Und du führst ihnen vor, wie Lernen in echt aussieht, nämlich nicht glatt und fertig, sondern tastend, mit Sackgassen. „Ich weiß es nicht genau, finden wir's gemeinsam raus“ ist einer der stärksten Sätze, die du im Klassenzimmer sagen kannst.
Leidenschaft begeistert
Kinder und Jugendliche haben feine Antennen. Wenn dich dein eigenes Fach langweilt, riechen sie das in Sekunden. Da kannst du dich noch so bemühen, sie merken es trotzdem. Du musst nicht alles lieben, was im Lehrplan steht, das schafft kein Mensch. Es gibt auch bei mir Kapitel, durch die ich mich eher durcharbeite als durchschwebe. Aber suche dir in jedem Thema die eine Ecke, die dich wirklich packt, und rede über die mit echter Begeisterung. Erzähl, warum dich das immer schon fasziniert hat.
Diese Funken springen über, verlässlich. Begeisterung ist ansteckend. Gleichgültigkeit leider genauso. Und von den beiden entscheidest du selbst, welche du in den Raum trägst.
Motivation entsteht
„Jetzt strengt euch halt an“ - diesen Satz sagte ich früher öfter, als mir heute lieb ist. Und er hat nie funktioniert, kein einziges Mal. Motivation ist kein Schalter, den du bei den anderen von außen umlegst. Sie wächst aus zwei Dingen. Aus dem Gefühl, dass das Ganze irgendwie mit dem eigenen Leben zu tun hat. Und aus dem Gefühl, gesehen zu werden. Wer merkt, dass du ihn meinst und nicht bloß die Klasse als graue Masse, der macht mit.
Die Beziehung kommt zuerst, der Stoff danach, nicht umgekehrt. Das klingt fast zu weich, gerade bei einem Stoff, der eher spröde und sachlich daherkommt. Aber genau da stimmt es am meisten. Der schwierigste Stoff geht durch, wenn die Beziehung trägt. Und der einfachste prallt ab, wenn sie fehlt.
Fazit
Weißt du was? Du wirst diese Fehler wahrscheinlich trotzdem machen. Zumindest ein paar davon. Das ist völlig in Ordnung. Die jungen Leute vor dir brauchen keine perfekte Lehrkraft. Perfekt ist langweilig, und ehrlich gesagt glaubt's dir sowieso keiner. Sie brauchen jemanden, der echt ist, der neugierig bleibt und der auch mal zugibt, wenn was schiefgeht. Der Rest, die Routine, das Gespür fürs Timing, die Ruhe in schwierigen Stunden, kommt mit der Zeit ganz von allein.
Also: Bleib menschlich. Hör nicht auf zu lernen. Und nimm dich selbst nicht ganz so ernst. Der Beruf ist zu schön, um ihn sich mit dem Anspruch auf Perfektion zu vermiesen. Das verspreche ich dir, von einem, der noch immer dazulernt. Bleib am Ball!
