Früher war mein Feierabend ein dehnbarer Begriff. Ich saß oft bis 22 Uhr an Vorbereitungen oder Korrekturen. Irgendwann wurde mir klar: Wenn ich keine Grenzen setze, tut es niemand für mich. Heute habe ich aus Erfahrung feste Arbeitszeiten für mich selbst fixiert. Ab 19 Uhr ist Schluss. Punkt. Wenn ich es nicht in dieser Zeit schaffe, war die Planung zu voll – nicht ich zu langsam. Diese klare Grenze schafft Luft zum Atmen. Man hat ja auch ein eigenes Leben.
Ich plane bewusst mit einem Wochenrhythmus. Montagvormittag ist für Projektkoordination reserviert, Donnerstag für Feedbackgespräche mit den Schülerinnen und Schülern. Dadurch entsteht Struktur, ohne mich zu fesseln. Die begrenzte Arbeitszeit zwingt mich zur Priorisierung – und das ist gut so. Statt mich in Perfektion zu verlieren, setze ich nun gezielte Schwerpunkte. Natürlich, es gibt auch Ausnahmen und sollte dennoch flexibel bleiben – aber mit Bedacht und nur vereinzelt Ausnahmen.
Tipp: Trag dir deine "Schulzeiten" in den Kalender ein wie echte Termine. Und halt dich daran. Das gilt auch für das Wochenende – kein Lehrerleben findet nur montags bis freitags statt, aber es darf auch nicht sieben Tage die Woche dauern.
Nein sagen lernen
Ein "Kannst du mal schnell ...?" ist schnell gefragt. Und wir sagen oft "Ja", weil wir das Kollegium nicht hängen lassen wollen. Aber jedes Ja zu anderen ist auch ein Nein zu dir selbst. Ich musste lernen, dass ein wertschätzendes Nein nicht unkollegial ist. Ich sage Nein zu Zusatzaufgaben, wenn mein Stundenplan voll ist. Und Nein zu ständiger Erreichbarkeit und Verfügbarkeit.
Gerade als engagierte Lehrkraft fällt es schwer, Angebote auszuschlagen. Aber ein überfüllter Kalender hilft niemandem. Heute frage ich mich bei jeder Anfrage: Passt das zu meinen Werten? Habe ich dafür Kapazitäten? Oder übernimmt jemand anders diese Aufgabe vielleicht sogar besser?
Sag freundlich Nein. Begründe es kurz. Und bleib dabei. Das schafft Klarheit und Respekt. Selbstverständlich muss auch hier erwähnt werden, dass es Situationen im Schulalltag gibt, wo man nicht „Nein“ sagen kann. Man ist ja auch selbst oft dankbar, wenn eine Kollegin oder Kollege mal für einem etwas übernimmt.
Korrekturen smart einteilen
Der Klassiker: Ein ganzer Stoß Werkstättenberichte auf einmal. Ich war danach oft wie leergefegt. Heute teile ich Korrekturen in kleine Einheiten ein: Maximal zwei Durchgänge pro Tag, dann eine Pause. Oder 25 Minuten fokussiert, 5 Minuten Bewegung in der frischen Luft.
Ich arbeite mit Timern (Pomodoro-Technik) und notiere meine Fortschritte. Das motiviert, statt zu überfordern. Und wenn es mal nicht fertig wird: Auch okay. Ich bin keine Maschine. Zusätzlich hilft mir eine einfache Einteilung: "leicht, mittel, aufwendig" – und ich mische die Korrekturen bewusst. Das gibt mir das Gefühl, schnell etwas zu schaffen, ohne mich in den Details zu verlieren.
Pausen bewusst nutzen
Handy raus, Mails checken, zwischendurch ein Kaffee? Das ist keine echte Pause. Eine richtige Pause bedeutet: raus aus dem Kopf, rein in den Moment.
Ich gehe mittags oder in der Pause gerne kurz an die frische Luft. Oder ich setze mich einfach mal hin und schaue aus dem Fenster. Klingt banal, ist aber Gold wert. Mein Energielevel danach? Spürbar besser und die Laune steigt.
In besonders stressigen Wochen gehe ein paar Schritte im Schulhof mit Kolleginnen oder Kollegen, atme durch, beobachte, wie die Schülerinnen und Schüler spielen – und plötzlich bin ich wieder Mensch, nicht nur Lehrer.
Gönn dir echte 10 Minuten. Ohne Bildschirm, manchmal auch ohne Gespräche mit der Kollegenschaft. Nur du. Das ist keine Zeitverschwendung – das ist Selbstfürsorge. Man muss nicht alles immer Wissen, was gerade in der Schule passiert. Wichtiges bekommt man sowieso mit. Zeit für sich selbst zu nehmen, ist nach meiner Erfahrung sehr wichtig!
Private Zeit blocken
Früher stand Schule an erster Stelle. Immer. Ich verschob Treffen mit Freunden, sagte Familienbesuche manchmal ab, weil "noch was für die Schule" zu machen war.
Heute blocke ich private Zeiten bewusst in meinem Kalender. Samstagvormittag? Gehört meiner Familie und Tochter. Mittwochabend? Musik komponieren im Studio. Ich halte das genauso konsequent ein wie Konferenzen.
Und manchmal sage ich sogar schulische Termine ab, wenn das Familienleben ruft. Ich mache das nicht leichtfertig – aber ich habe gelernt, dass Schule nicht wichtiger ist als mein echtes reales Leben. Wer sich selbst zurückstellt, wird irgendwann von innen ausbrennen.
Denn: Dein Leben ist kein Lückenfüller für schulische To-dos. Wir sollten nicht vergessen: Es gibt für alles Grenzen! Schule ist Schule, aber wir haben auch ein Privat-Leben.
Perfektionismus ablegen
Ich kenne das nur zu gut: Jede Stunde sollte "sitzen", jeder Schaltplan "perfekt" aussehen, jede Feedbackrunde "durchdacht" sein. Aber dieser Anspruch frisst Energie. Heute sage ich mir: "Gut ist auch okay- ich muss nicht immer perfekt sein." Wenn die Stunde klar strukturiert ist und die Schülerinnen und Schüler aktiv mitmachen, ist das ein Erfolg. Und wenn etwas mal nicht funktioniert? Dann lerne ich daraus und versuche es nächstes Mal besser zu machen.
Ich habe gelernt, mit 80 % zufrieden zu sein – das macht 100 % glücklicher. Und erstaunlicherweise: Die Schülerinnen und Schüler spüren, wenn du mit mehr Leichtigkeit unterrichtest – so meine Erfahrung. Sie reagieren offener, entspannter, neugieriger. Der Perfektionismus, den wir oft für Professionalität halten, steht manchmal sogar der echten pädagogischen Wirkung im Weg. Perfektionismus ist ein stiller Energieräuber. Lass ihn los – du wirst freier unterrichten. Und eines ist klar, niemand ist perfekt!
Digitale Tools zur Entlastung
Ich liebe Technik, aber nur wenn sie mir wirklich hilft.Wichtig ist: Nicht jedes Tool ausprobieren, sondern gezielt das nutzen, was deinen Alltag wirklich erleichtert. Frag Kolleginnen und Kollegen, was bei ihnen funktioniert. Und: Lass Tools für dich arbeiten – nicht umgekehrt. Die Lehrer-App zum Beispiel bietet viele Funktionen, die Zeit sparen.
Besonders im Medientechnik-Unterricht arbeite ich mit Vorlagen, selbst erarbeitete Fragebögen und kollaborativen Plattformen. Die Schülerinnen und Schüler bekommen schneller Rückmeldung, ich spare Zeit, und wir alle haben mehr Überblick. Auch KI kann hier bereits tolle Unterstützung bieten.
Kollegialität aktiv leben
Das Lehrerzimmer kann Energie geben – oder nehmen. Ich schätze ehrliche Gespräche, Austausch über Lösungen statt Probleme und ein "Wie geht's dir wirklich?" Wir müssen nicht alles alleine stemmen. Ich teile gern mal eine gute Idee oder nehme eine von anderen an. Wir sind ein Team, kein Einzelkämpferclub.
Besonders wertvoll sind für mich vereinzelte Tandemstunden oder gemeinsame Unterrichtsvorbereitungen. Wenn man das Rad nicht immer neu erfinden muss, bleibt Raum für echte Innovation. Und manchmal reicht auch nur ein kurzes Lächeln oder eine liebevolle Geste – gerade an den Tagen, an denen alles zu viel ist.
Und ganz ehrlich: Ein herzliches Lachen im Lehrerzimmer kann Wunder wirken.
Achtsamkeit im Alltag
Ich übe keine stundenlange Meditation, aber ich versuche, bewusst zu leben. Ich genieße meinen Kaffee wirklich, spüre, wenn ich angespannt bin, und nehme mir dann zwei Minuten, um ruhig zu atmen.
Manchmal bedeutet Achtsamkeit einfach, den Moment wahrzunehmen: ein freundlicher Blick einer Schülerin oder Schülers nach dem Unterricht, die Sonne durchs Fenster, das kurze Gefühl von Zufriedenheit nach einer gelungenen Stunde.
Ich achte inzwischen viel mehr auf die kleinen Dinge. Die ruhige Minute vor der ersten Stunde. Das gemeinsame Lachen mit der Klasse. Der Moment, wenn eine Schülerin oder Schüler etwas Komplexes zum ersten Mal versteht. All das geht im Stress oft unter – dabei ist es genau das, was unseren Beruf so besonders macht.
Je mehr du im Jetzt bist, desto weniger zieht dich der Stress in alle Richtungen.
Fazit: Lehrer sein – Mensch bleiben
Wir sind mehr als unsere Rolle. Wir sind nicht nur Fachleute, Wissensvermittler, Erzieher. Wir sind auch Väter, Mütter, Musiker, Träumer, Wanderer, Nachdenkliche, Fröhliche. Work-Life-Balance ist kein Ziel, das man einmal erreicht. Es ist ein Prozess. Ein ständiges Ausloten, Nachjustieren, Reflektieren. Es ist vor allem: Erlaubnis, sich selbst wichtig zu nehmen.
Ich lade dich ein, heute einen Punkt aus der Liste zu nehmen und ihn auszuprobieren. Nicht alles auf einmal. Nur einen. Vielleicht ist es genau der, der dir den Raum gibt, wieder ein Stück mehr DU im Schulalltag zu sein.
Denn am Ende geht es nicht darum, alles perfekt zu machen – sondern gesund, inspiriert und mit Freude im Beruf zu bleiben. Für dich. Für deine Schülerinnen und Schüler. Und für dein Leben außerhalb der Klassenzimmer.
