Zusätzlich zu einer langjährigen Tätigkeit an einer Höheren Schule nun auch an einer Mittelschule zu unterrichten, dies bedeutet vor allem eines: sich auf unterschiedliche Systeme, Strukturen und Schulkulturen einzulassen. Was nach knapp 20 Jahren Berufserfahrung vielleicht routinemäßig klingt, entpuppte sich als vielschichtige Herausforderung. Zwei verschiedene Welten mit eigenen Abläufen, digitalen Plattformen und pädagogischen Schwerpunkten verlangen mehr als nur fachliche Kompetenz. Diese Erkenntnis war zunächst etwas unerwartet, hat sich aber als wertvolle Lernerfahrung erwiesen - eine, die den Blick auf Schule insgesamt bereichert. Zwischenzeitlich ist schon vieles zur Routine geworden.
Die größte Überraschung war nicht der Unterricht an sich oder der Umgang mit einer neuen Schülergruppe, sondern die organisatorische und kulturelle Komplexität, die mit dem Unterrichten an zwei verschiedenen Schultypen einhergeht. Plötzlich war man nicht mehr nur der erfahrene Kollege, sondern auch wieder der Neue. Heute möchte ich diese Erfahrungen teilen, denn mir ist bewusst geworden, dass jeder Übergang, unabhängig von der Berufserfahrung, seine eigenen persönlichen Herausforderungen mit sich bringt.
Organisation ist alles
Die organisatorische Komplexität hat mich anfangs überrascht. Zwei verschiedene Stundenpläne in unterschiedlichen Systemen, mehrere MS Teams-Zugänge, diverse Plattformen für Fehlstundeneintragungen, unterschiedliche Abläufe für Vertretungen und verschiedene interne Organisationen. Ich habe festgestellt, dass man schnell den Überblick verlieren könnte, wenn man sich nicht von Anfang an eine klare Struktur entwickelt.
An meiner Stammschule liefen viele Abläufe automatisch und intuitiv. An der Mittelschule musste ich all diese Informationen neu lernen und dabei darauf achten, die beiden Systeme nicht zu verwechseln. Ich empfehle jedem, sich in den ersten Wochen ein solides Organisationssystem aufzubauen. Eine digitale Übersicht mit allen Login-Daten, Links, wichtigen Kontakten und Fristen beider Schulen. Meiner Meinung nach sollte man sich dafür bewusst Zeit nehmen, auch wenn man am liebsten sofort ins Unterrichtsgeschehen einsteigen möchte.
Erste Tage bewusst gestalten
An der Mittelschule habe ich mir Zeit genommen, durch die Gänge zu gehen, die Atmosphäre zu spüren und die Räumlichkeiten kennenzulernen und vor allem die Klassen zu finden - also sich zu orientieren. Wo ist das Lehrerzimmer? Wo finde ich Kopiergeräte? Wie ist der Pausenablauf bzw. Pausenaufsicht? Diese scheinbar banalen Fragen zu klären, hat enorm geholfen, sich schneller heimisch zu fühlen. Ich weiß nun, dass es wichtig ist, sich diese Orientierungsphase zu gönnen, unabhängig davon, wie lange man bereits im Beruf ist.
Schule und Strukturen kennenlernen
Jede Schule hat ihre eigene „DNA“ ihre Kultur, ihre ungeschriebenen Regeln, ihre Abläufe. An meiner Höheren Schule läuft vieles digitaler und selbstorganisierter, die Schüler und Schülerinnen sind älter und eigenständiger. An der Mittelschule fand ich eine andere Dynamik vor: mehr direkte Kommunikation, klarere Strukturen, intensivere Betreuung der Schülerinnen und Schüler und natürlich: eine angepasste Sprachkultur!
Ich glaube sagen zu können, dass es sehr wichtig ist, beide Systeme nicht zu vergleichen oder eines als „besser" zu bewerten, sondern ihre jeweiligen Eigenheiten zu respektieren und für sich zu nutzen. Man kann von beiden Schulen lernen und dass man auch Impulse von der einen zur anderen Schule mitnehmen kann, ohne dabei missionarisch zu werden. Meiner Meinung nach ist es keine Schwäche, nachzufragen, wenn man etwas nicht versteht, im Gegenteil. Alle Kolleginnen und Kollegen schätzen es, wenn man Interesse zeigt und aktiv lernen möchte.
Kolleginnen und Kollegen offen begegnen
Das Lehrerzimmer an der Mittelschule war zunächst fremdes Terrain. An meiner Stammschule kenne ich jeden, hatte meinen festen Platz. Hier war man nun wieder der Neue. Selbst ist mir aufgefallen, dass ich in den ersten Wochen manchmal etwas unsicher war, wie ich mich einbringen sollte, ohne aufdringlich zu wirken oder als der "Erfahrene von der Höheren Schule" rüberzukommen.
So habe ich beschlossen, einfach offen auf Menschen zuzugehen. Ein einfaches „Guten Morgen", ein ehrliches Interesse an den Geschichten der Kolleginnen und Kollegen, ein Lächeln - das hat oft mehr Türen geöffnet als der Verweis auf langjährige Erfahrung. Bei einer Tasse Kaffee erfährt man oft mehr über die Schule als in jeder offiziellen Einführung.
Vorhandenes wertschätzen
Eine der wichtigsten Lektionen: Als Neuer kommt man nicht, um alles besser zu machen, auch nicht mit viel Erfahrung im Gepäck. Meiner Meinung nach ist es so, dass es kontraproduktiv ist, mit Verbesserungsvorschlägen um sich zu werfen oder ständig zu betonen, wie man es "bei uns an der höheren Schule" macht, bevor man die bestehenden Systeme wirklich verstanden hat.
Mir ist aufgefallen, dass diese Haltung nicht nur Respekt zeigt, sondern auch unglaublich bereichernd ist. Ich habe an der Mittelschule Ansätze kennengelernt, die ich nun auch an meiner Stammschule einsetze. Der Austausch funktioniert in beide Richtungen, wenn man offen dafür ist.
Verbindendes entdecken
Zwischen einer höheren Schule und Mittelschule zu pendeln, könnte sich wie eine Zerreißprobe anfühlen. Mir ist aufgefallen, dass es aber auch eine große Chance ist: Man entdeckt Gemeinsamkeiten, wo man zunächst nur Unterschiede sieht.
An beiden Schulen begegne ich jungen Menschen, die Unterstützung, Anleitung und manchmal einfach nur ein offenes Ohr brauchen. An beiden Schulen arbeiten engagierte Kolleginnen und Kollegen, die das Beste für ihre Schülerinnen und Schüler wollen. Diese verbindenden Elemente zu erkennen, hat geholfen, sich an beiden Orten zugehörig zu fühlen, statt zwischen zwei Welten hin- und hergerissen zu sein.
Auch mit Kolleginnen und Kollegen habe ich bewusst nach Gemeinsamkeiten gesucht. Wer unterrichtet ähnliche Fächer? Wer hat ähnliche pädagogische Ansätze? Diese Verbindungen haben sich oft zu wertvollen Unterstützungsnetzwerken entwickelt und zwischenzeitlich zu echten Freundschaften.
Neugierig fragen statt Bewerten
Meine Empfindung hat mir gezeigt, dass eine neugierige Haltung Gold wert ist, in jedem Alter und mit jeder Berufserfahrung. Statt zu denken „An meiner Stammschule machen wir das aber anders", habe ich versucht zu fragen: „Warum macht ihr das so? Was sind eure Erfahrungen damit?" Diese kleine Verschiebung in der Perspektive hat nicht nur mein Verständnis vertieft, sondern auch Türen zu interessanten Gesprächen geöffnet.
Mir ist aufgefallen, dass Kolleginnen und Kollegen gerne ihr Wissen und Erfahrungen teilen, wenn man ehrlich interessiert ist und nicht mit der Haltung des Besserwissers auftritt. Die Rolle des Lernenden einzunehmen, war dabei unglaublich wertvoll. Ich bin der Überzeugung, man sollte diese Haltung durchs ganze Berufsleben begleiten. Neugier hält uns lebendig und entwicklungsfähig.
Unterricht mit gutem Einstieg starten
Natürlich ist der Unterricht das Herzstück unserer Arbeit. Die ersten Stunden an der Mittelschule habe ich besonders sorgfältig vorbereitet - aber nicht mit dem Ziel, perfekt zu sein, sondern um eine gute Basis für die Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern zu legen.
Transparent zu kommunizieren, was sie von mir erwarten können und was ich von ihnen erwarte, war dabei wichtig. Gleichzeitig habe ich versucht, von Anfang an Begeisterung für meine Fächer zu vermitteln. Einige Jahre als Lehrperson von der höheren Schule hat mir gezeigt, dass diese Mischung aus Klarheit und Enthusiasmus in beiden Schultypen funktioniert, auch wenn die konkrete Umsetzung unterschiedlich aussehen kann.
Interessanterweise mussten auch Unterrichtsmethoden angepasst werden. Was an der Höheren Schule funktioniert, braucht an der Mittelschule manchmal eine andere Herangehensweise. Die Schülerinnen und Schüler sind ja viel jünger. Diese Anpassungsfähigkeit zu entwickeln, war und ist ein spannender Lernprozess.
Vertrauen zu Schülerinnen und Schüler aufbauen
Vertrauen entsteht nicht über Nacht. An beiden Schulen habe ich mir vorgenommen, authentisch zu sein. Zu zeigen, dass ich nicht alles weiß, dass auch ich Fehler mache und dass ich offen für ihre Perspektiven bin.
Meiner Meinung nach ist es wichtig, den Schülerinnen und Schülern zu signalisieren: Ich bin für euch da, ich nehme euch ernst, und ich möchte, dass ihr euch in meinem Unterricht wohlfühlt, egal ob ihr 13 oder 17 Jahre alt seid. Gleichzeitig habe ich klare Grenzen gesetzt! Denn Vertrauen heißt nicht Beliebigkeit. Ich bin der Überzeugung, dass die Schülerinnen und Schüler diese Ehrlichkeit an beiden Schulen schätzen.
Fazit: Nachhaltig ankommen
Rückblickend auf die ersten Monate an einer zusätzlich neuen Schule: Ankommen ist ein Prozess, kein Ereignis, auch nach vielen Jahren Berufserfahrung. Es gibt keinen magischen Moment, an dem plötzlich alles klar ist. Stattdessen gibt es viele kleine Schritte, viele Gespräche, viele Erfahrungen, die sich zu einem Gefühl der Zugehörigkeit verdichten.
Ich finde, dass nachhaltig ankommen bedeutet, sich Zeit zu nehmen - für die Organisation, für Beziehungen, für das eigene Wohlbefinden. Es bedeutet auch, offen zu bleiben für das Neue und gleichzeitig die eigenen Werte und die eigene Erfahrung nicht zu vergessen, aber auch nicht überzubetonen.
Meine Erfahrung, die ich gemacht habe: Seid geduldig mit euch selbst. Erwartet nicht, dass ihr nach vier Wochen alles im Griff habt - auch nicht, wenn ihr bereits jahrelange Erfahrung mitbringt. Erlaubt euch, in der neuen Situation zu lernen, Fehler zu machen und zu wachsen. Die Schulgemeinschaft wird euch dabei unterstützen, wenn ihr offen dafür seid.
Die anfängliche organisatorische Herausforderung ist einer Routine gewichen, und aus fremden Gesichtern sind Menschen geworden, die den Arbeitsalltag bereichern. Die Perspektive auf Schule hat sich durch diese Doppelrolle erweitert. Dieser Weg hat sich gelohnt und ich bin sicher, dass auch ihr euren eigenen Weg finden werdet, solltet Ihr mal in die Situation kommen, unterschiedliche Schultypen kennenzulernen!
